Brief aus dem 1. Weltkrieg
Dies ist ein Brief, von einem deutschen Unteroffizier names Theo, der an der Westfront im Jahre 1916 an seine Frau Lilly schrieb. Er wurde von Theo's Urenkel an Oblt Müller weitergegeben, dieser hat ihn abgetippt und an mich gesendet.
Im Quartier, Montag, 11./ 9./ 16

Ich lebe noch, bin unverwundet und Herz und Nerven haben uns nicht im Stiche gelassen, aber ich habe ganz Fürchterliches mitgemacht. Ich war 4 mal verschüttet und wurde im Nahkampfe von einer englischen Handgranate zu Boden geworfen und betäubt, aber ich bin gerettet. Danke unserem Herrgott auf den Knien Lilly, er hat mich Dir und den Kindern erhalten. Die meisten meiner Kameraden sind tot oder verwundet. Schwörer ist tot, von einer Granate zerrissen, Cless ist tot, Wiehland ist tot, Speyrer verwundet, Büchler ebenfalls und viele viele die Du nicht kennst. Ich kann Dir nur kurz beschreiben, was ich erlebt habe.

Wie Du aus meinem letzten Briefe ersehen haben wirst, hatte ich schon vor dem 6. September viel mitgemacht. Damals lagen wir in Unterstützung und brachten nur Munition und Lebensmittel in die erste Linie. Am 6. erhielt meine Kompagnie (ich bin jetzt in der 10. Komp.) Befehl den zweiten Kampfgraben zu besetzen und am 7. besetzten wir die vorderste Linie im berüchtigten Foureauxwalde. Am 8. früh um 9 Uhr wurden wir bis 1 Uhr heftig von der Artillerie beschossen und von 1-7 Uhr geschah das Grässlichste, was Menschen erleben können: unsere Gräben wurden grösstenteils von schwerem Minenfeuer eingeebnet. In der vordersten Linie sind keine Unterstände, sondern nur Löcher. In einem solchen Loch lag ich mit 2 Mann. Wie ich entkam, kann ich Dir nicht erzählen, Du würdest es gar nicht verstehen und ich will selbst im Geiste nicht mehr das Grässlichste nochmals durchleben...

Schliesslich fand sich der Rest der Grabenbesatzung in einem Grabenstück zusammen, das weniger mitgenommen war. Während des Minenfeuers drangen die Engländer rechts und links in unseren vordersten Graben ein. Um 7 Uhr hörte das Minenfeuer auf und die Engländer gingen von beiden Seiten mit Flammenwerfern vor. Es war ganz entsetzlich. Eine 30 Meter hohe Rauchsäule, aus der brennendes Oel gegen uns gespritzt, rückte auf beiden Flanken gegen uns vor. Wir glaubten uns alle verloren. Und da packte uns die Wut. Sterben müssen wir doch, dachten wir und da gingen wir kalt mit Handgranaten den Flammen entgegen. Und sie wichen. Fürs erste waren wir gerettet.

In unserem Grabenstück waren nur noch 1 Leutnant und ich von Chargen. Der Leutnant übernahm den rechten Zug, ich den linken und dann gings drauf mit Gewehren und Handgranaten und in kurzer Zeit hatten wir wieder etwas Luft. Inzwischen kam Unterstützung im Sturme gegen die Engländer. Wir atmeten auf. Im Nu waren die Engländer aus dem rechten Grabenstück draus, nur bei mir im linken sassen sie fest und fingen an den Graben abzubauen und gingen nach Herbeischaffung von Munition (Handgranaten) langsam weiter vor. Jetzt bauten auch wir den Graben ab.

Inzwischen hatten sich noch zerstreute Mannschaften gesammelt, darunter auch ein Unteroffizier. Wir beiden Unteroffiziere und 1 Gefreiter gingen jetzt mit Handgranaten in das Stück zwischen den Engländern uns, schlichen uns vor und warfen die Handgranaten hinüber. Es half. Sie wichen einige Meter. Jetzt ging ich zurück, nahm 4 Freiwillige, ging aus dem Graben heraus, um über das freie Feld hin den Engländern in die rechte Flanke zu fallen. Behutsam gingen wir vor, von einem Granatloch ins andere. Als wir ungefähr auf 30 m nahe gekommen waren, pfefferten wir unsere Handgranaten in das letzte Grabenstück. Jetzt entdeckten sie uns mit Leuchtraketen und eröffneten ein wütendes Feuer auf uns 5 Männlein. Leider fiel mein bester Handgranatenwerfer sofort, wir anderen zogen uns zurück und erreichten ohne weitere Verluste unseren Graben. Inzwischen hatten wir weitere Unterstützung angefordert und vereinbarten mit derselben eine gemeinsame Aktion: sie von links und wir durch den Graben in 2 Handgranatentrupps. Den durch den Graben führte wieder ich.

Wir drangen weit vor und warfen. Sie wichen, aber sie warfen noch eine Handgrate ab, ich sah sie kommen, warf mich zur Erde und die Granate explodierte. Dann hatte ich das Gefühl, als ob mir überall Blut herunterlaufe und dann war ich bewusstlos, aber nur für etwa 20 Sekunden. Dann kam ich wieder zu mir und schwankte aus dem Graben mit dem Gefühl, verwundet zu sein. Aber ich war völlig unversehrt; nur der Luftdruck hatte mich betäubt. Ein Schluck Kaffee vom Sanitäter brachte mich wieder vollständig auf die Beine. Eine Stunde darauf hatten wird das Grabenstück wieder und erbeuteten viel Munition, die die Engländer schon herbeigeschleift hatten. Die von vorn anstürmenden Engländer schossen wir einfach zusammen, sie purzelten wie auf einer Hasenjagd. Inzwischen hatten wir einige Gefangene eingebracht, die ich verhörte und da erfuhr ich dann, dass die Engländer nach neuen Reserven geschickt hatten und beabsichtigten, uns den nächsten Tag wieder anzugreifen. Meine Meldung wurde sofort dem Bataillon weitergemeldet und wir erhielten in der Nacht noch Verstärkung und Munition. Am Samstag mittag griffen sie uns richtig wieder an, aber wir wiesen sie bös ab. Am Sonntag früh wurden wir abgelöst. Unsere Heimkehr ins Ruhequartier war ein Triumphzug. Die Musik marschierte uns entgegen und der Major empfing uns als die Helden von Foureauxwalde.

Dies alles meine liebe Lilly, ist nur eine schwache Beschreibung, von dem, was ich seelisch durchlebt habe. Nach dieser entsetzlichen Probe habe ich die feste Zuversicht, dass ich Euch erhalten bleibe. Eine Hand wacht über mich, sonst wäre ich diesesmal geblieben. Lilly ich hab meine Pflicht getan und lasse mir die Genugtuung zu sagen: Du kannst stolz auf mich sein. Durch meine damalige 4malige Verschüttung und die Handgrate gegen mich hat sich das Gerücht verbreitet, dass ich gefallen sei. Also Du weisst, dass ich lebe und Du wirst auch wie ich, jetzt mehr als je, das Vertrauen haben, dass es mir vergönnt sein wird, einst wieder gesund in Deine Arme zurückzukehren.


Auch für Euch liebe Geschwister ist dieser Brief bestimmt. Lest ihn und gebt ihn wieder Lilly als Erinnerung an den 8. September 1916.

Meine liebe Lilly, Deine Pakete und Brief habe ich jetzt erhalten, vielen vielen Dank.

Küsse mir die lieben Kinderchen uns tausend Mal umarmt und geküsst von Deinem

Theo.


Theo fiel einige Wochen später an der Westfront. Er hat seine Lilly nie wieder gesehen.